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Vom Kino zum Mobilfilm der Attraktionen
Von derAlekx | 16.April 2009
Gibt es Ähnlichkeiten zwischen kleinen Filmchen, die auf dem Handy gemacht & gezeigt werden und den ersten Kinofilmen bzw. deren frühen Vorform?
Jede Medienform fängt einmal klein an. Klein & Schmutzig. Das große Kulturgut Film bildet hier keine Ausnahme. In den 1990er Jahren etablierte sich der von Tom Gunning geprägte Begriff vom ”Kino der Attraktionen” (Amazon). Der Filmwissenschaftler Gunning wies durchaus schlüssig nach, dass in den Anfängen der Filmerei nicht die eine große Geschichte im Mittelpunkt stand. Während wir es im klassischen (und zumeist auch noch im postklassischen oder postmodernen) Kino mit Storylines und Plotpoints zu tun, war solcherart Erzählen im frühen Kino nicht stark ausgeprägt. Die Geschichten heutiger Prägung kenne wir alle: Mann und Frau auf dem holprigen Weg in die ganz große Liebe; der einsame Held rettet das Dorf vor den bösen Banditen/Gangstern/fremden Mächten jeder Art; der kleine Junge wird langsam erwachsen und muss sich in großer Herausforderung beweisen, etc., etc.
Wie war nun das frühe Kino angelegt, wenn nicht mit diesen Sehnsuchtsgeschichten, die wir so lieben (gelernt haben)? Gunning argumentiert, dass die ersten Filme auf Jahrmärkten als besondere Attraktion dienten. Dabei wurde auf dem Rummelplatz nicht nur der Film an sich, sondern eben auch die Technik der Projektion bestaunt. Nicht die Erzählung im Film, die diegetische Narration, war das spannende, vielmehr galt es ein Sammelsurium einzelner Aspekte zu einem Spektakel zusammenzuschnüren. Dieses Gesamtspekatel war das, was die Menschen damals freudig-erregt machte. Eine Geschichte im Film war nett, aber weder immer vorhanden noch wirklich vom Zuschauer gefordert. Es ging mehr um das Staunen an sich. Über die Technik, die Bewegung im Bild, die Möglichkeit der Aufnahme und Wiedergabe von ortsfremden Eindrücken. Ein Gesamtpaket des Entertainments.
Was stand nun im Mittelpunkt der Filme selber? Die vorgeführte Bewegung, der schnelle Gag und der schockende Moment. Das war’s - mehr oder weniger. Schauen wir uns zwei frühe Filme an: Beide von den französichen Brüdern Lumière:
Dieser Film zeigt tatsächlich nicht viel mehr als das, was der Titel verspricht: Die Ankunft eine Zuges. Die Bewegung aber ist neu und fantastisch für den frühen Zuschauer um 1900 herum. Wie von Zauberhand bewegt sich ein eigentlich nicht vorhandener Zug - welch Wahnsinn!
Und was passiert hier? Der alte (man möchte nun fast sagen: SEHR alte) Gag mit dem Wasserschlauch… Nunja… (Kann mir übrigens jemand bestätigen, dass dies kein Fake ist, sondern wirklich ein Jahr später aufgenommen wurde? Die Bildqualität ist so gut…). Tonloser Slapstick mit visuellem Witz kam gut an scheinbar.
Wie schaut es demgegenüber mit der heutigen Technik aus? Wie ist das mit dem Film auf dem Handy? Abgesehen davon, dass es einige Parallelen zum frühen Internetfilm gibt, sind auch strukturelle Analogien gerade zum frühen Film erkennbar - so meine These. Denn auch im - nennen wir ihn einfach mal so - Mobilfilm gibt es noch kaum narrative Strukturen. Vielmehr sind die vorhandenen Filme auf kurze Effekte aus. Darüber hinaus ist das Handy, um das man sich versammelt, auch als Technikwunder zu begreifen. Fernsehsozialisierte wie wir sind immer noch etwas verblüfft, wenn man sich die technischen Möglichkeiten der neuen Mobilfunkgenerationen anschaut. GoogleMaps auf dem iPhone und Augmented Reality auf dem GooglePhone, welch wundersamen Sachen dort funktionieren. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Audiovision auf dem Handy. Wenngleich wir uns den Film auf dem Handy schon eher vorstellen konnten als Menschen um 1900 herum den frühen Film an sich. Dieser frühe Mobilfilm lebt also ebenso von der Attraktion und dem Spektakel - es ist noch nicht die Zeit der großen narrativen Momente, vielmehr ein Ausprobieren und Bestaunen des technisch Machbaren.
Um die These zugespitzt und äußerst provokant zu repetieren: Phänomene wie ‘Happy Slapping’ sind vielleicht weniger gesellschaftlich erklärbar denn technisch induziert. So scheint z.B. beim ‘Happy Slapping’ die Technik zumindest mittelbare Triebfeder zu sein. Auch wenn wohl niemand wirklich versteht, wie man eine Straftat wie schwere Körperverletzung begehen und zugleich auch noch für die gerichtlich verwertbare Bezeugung sorgen kann - und mal überhaupt ganz abgesehen davon wie man darauf kommt, einfach andere Menschen zu malträtieren: Es ist ein Ausprobieren der Möglichkeiten des technisch Machbaren bzw. der Anwendbarkeit der Technik. Während damals die Technik nur äußerst wenigen wohlhabenden Menschen vorbehalten war, kostet ein Handy demgegenüber fast nichts mehr. Dies ist der einzig entscheidende Unterschied.
Nun könnte man einwenden, dass die Schaulust um 1900 herum doch vollkommen unschuldig und naiv war - was aber mitnichten so stimmt. Denn es gab beispielsweise Frühformen des Erotikfilms. So z.B. “Le Bain” wiederum von den Lumière Brüdern um 1896. Der hatte - man mag es kaum glauben - doch tatsächlich einen Striptease im Programm. Ich würde aber mal tippen, dass man kaum mehr als das Strumpfband der Dame sehen konnte - was aber für damalige Verhältnisse ein Skandal erster Güte wäre. In der Dimension der Desavouierung vielleicht vergleichbar mit dem Sexting (Wikipedia) heutiger Tage.
Daneben gibt es die von Thomas A. Edison angeblich zu Werbezwecken aufgenommenen Filme über elektrische Exekutionen (also: Tötungen). Der erste Film zeigt die Tötung eines Elefanten (1900):
Topsy, so der Name des Tiers, wurde hier mittels Strom exekutiert. Der zweite Film zeigt die (gestellte) Ermordung des Präsidentenmörders Czolgosz von 1901:
Grausam sehen für mich beide Filme aus. Strukturelle Parallelen zwischen dem frühen Kinofilm um 1900 und dem frühen Mobilfilm der Handygeneration lassen sich meiner Meinung nach also durchaus ziehen.
Aus obigem ableitend ließe sich also sagen, dass die momentanen audiovisuellen Werke auf dem Handy ein Mobilfilm der Attraktionen darstellen, ganz ähnliche dem ‘Kino der Attraktionen’ wie Gunning es für die Frühzeit des Films bestimmt hat.
Will man also die dramaturgischen Mittel des Mobilfilms sich anschauen, muss man einen Blick zurück riskieren. Interessant wäre es, zu überlegen, ob man die Entstehung der diegetischen Narration (also des Geschichtenerzählens im und mit dem Film) in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts umlegen kann auf die Entwicklung des Mobilfilms und seiner Erzählungen in den nächsten Jahren.
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Topics: Dramaturgie digitaler Medien, Medienkultur |

2.Mai 2009 at 19:18
Noch ein großartiger Beitrag! Die Parallelen sind deutlich zu erkennen. Danke für die Herausarbeitung.
3.Mai 2009 at 23:25
Auch hier noch ein Dank. Ist ja eine ganze Orgie geworden:) Fühle mich zutiefst geschmeichelt! Dabei kann ich auch gleich noch eine Anmerkung zur Begrifflichkeit “Mobilfilm” machen, die ich noch einfügen wollte: Dieser Begriff (und damit obige Idee) kann sich nur auf Kurzfilme beziehen, die direkt auf einem Mobilfunkgerät (vulgo: Handy) aufgenommen wurden. Da auf Geräten wie z.B. dem iPhone bereits crossmedial Mainstreamfilme oder Fernsehensendungen gezeigt werden. Das noch als allgemeine Anmerkung zu obigem Text.