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Digitale oder Kapitalistische Avantgarde?
Von derAlekx | 20.Mai 2009
Jay David Bolter war gestern - wie angekündigt - zu Besuch in Wien und gab einige Einblicke in seine Gedankenwelt. Das schwierigste an diesem Abend war der Einlass. Dabei ging es hier weder um ein ausverkauftes Konzert noch um den Dresscode-Abgleich vor dem Club der Wahl, vielmehr war schlicht und einfach die Tür vor der Nase zu. Abgeschlossen. Kein Klopfen und kein bildungshungriges Flehen half. Nur der Fahrstuhl um die Ecke. Der ließ uns Wartende nach oben schweben in einen sehr gut gefüllten Schreyvogelsaal im Michaelertrakt der Wiener k.u.k. Hofburg.
Dass Technik und nicht unsere Füße uns in den Himmel des medienwissenschaftlichen Elfenbeinturms hievten hatte zwar keinen organisatorischen aber dafür inhaltlichen Wert. Denn der US-Amerikaner Bolter wollte mit uns hoch hinaus. Er entführte das Publikum in einen Diskurs über Facebook, YouTube und verglich diese mit ‘der’ ‘historischen’ Avantgarde bzw. exakter den zum Sammelbegriff Avantgarde zählenden Strömungen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Es waren starke Thesen, die Bolter rausschleuderte. Denn das was heute vermehrt unter dem Terminus “digitale Avantgarde” firmiert (so z.B. bei der LIFE-Studie der Deutschen Telekom) - also die ganzen Freaks und Geeks mit ihren Facebook-Acounts, Blogs, iPhones und der ganzen Twitterei - soll im Grunde gelebte ‘historische’ Avantgarde sein. Die Umsetzung der Ideen der alten Avantgarde in lebenspraktische Handlungen. Wer so etwas sagt und vertritt, der macht sich angreifbar. Von daher muss man Bolter großen Respekt aussprechen, zumal er während seines Vortrags in fließendem Deutsch parlierte. Nennt mich vorurteilsbehaftet, aber für einen US-Amerikaner keine Selbstverständlichkeit! In anschließenden Diskussion wurde auch genau obiger Punkt des öfteren aufgenommen. Am besten war dabei die Frage eines Kollegen, ob das nicht alles ein wenig zu freundlich ausgedrückt ist. Vielmehr sprach er nicht von der digitalen Avantgarde sondern von einer Art kapitalistischen Avantgarde. Die Early Adopters als Avantgarde. Spannender Gedanke: Statt Diskurs & Protest, Plauderei & Kommerz. Nicht neu im Prinzip, aber durch die Verquickung mit Avantgarde neu belichtet.
Ich habe für mich viele neue Gedanken aufgeschnappt. Ein Video gibt dazu auch, dieses ist hier anzuschauen. Ich denke mal, dass eine Zusammenfassung (dicker, besser, mehr) wohl noch die Tage auf dem Blog von Jana Herwig aka Digiom auftauchen wird. Ihr gebührt schlussendlich auch nochmals ein großes Dankeschön für die Einladung von Jay David Bolter (übrigens: via Mail, direkte Antwort von ihm inklusive Facebook Friend Request) und Organisation. Toll gemacht!! Da macht es auch nix, wenn man fast nicht reinkommt…
Bonmot am Rande: Jana Herwig & Jay David Bolter sind wichtiger als die Deutsche Telekom, wenn es um die digitale Avantgarde geht. So meint zumindest Google :)
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Topics: Dramaturgie digitaler Medien |
