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Verändert Social Media den öffentlichen Raum?

Von derAlekx | 9.Juni 2009

Es wird ja viel darüber geheult, dass die Deutschen, Österreicher, ja eigentlich ein Großteil der Europäer keine Social Media Eruptionen aufweisen können. In den USA gab es eine Vielzahl an Kampagnen, die ihren Start im Social Web hatten und sodann ihr Anliegen einem Wellenbrecher gleich in die gesamte Gesellschaft verschifften. Barack Obama - so sagt man gerne, weils so schön klingt - soll der erste Internet-Präsident sein. Facebook, Twitter & Kollegen sollen ihm den Wahlsieg beschert haben. Und in Old Europe ist einzig Flaute, Windstille, Totengesang.

Hier in Wien könnte es nun zum ersten Mal zu einem solchen sozialmedialen Sturm auf die Bastille kommen. Das Museumsquartier (MQ),(Wikipedia) , gleichermaßen Kunst- wie Chillout-Zone, soll gereinigt werden. Bisher galt der Innenhof der ehemaligen k.u.k. Hofstallungen als öffentlicher Platz. Zumindest wurde er als solcher behandelt. Es wurden Bänke zum verweilen installiert und auf der weitläufigen Fläche auch sogenannte Enzis (hier ein Bild dieser Liegeplätze) aufgestellt.

Diese Maßnahmen sorgten für einen ungeheuren Erfolg des  sehr umstrittenen Projekts. Während der Sommermonate liegen, lagern, lungern Menschen jeglichen Alters, jeder Nationalität und Schicht irgendwo im weiten Terrain des Prachtbaus. In den Gebäuden gibt es derweil ein buntes Programm kultureller Leckerbissen. Hochkultur trifft Untergrund. Ich bekenne offen, dass dieser Platz zu meinen Lieblingsorten in Wien zählt. Jeder Besucher und Einwohner sollte einmal hier gewesen sein. Es zeigt ein Wien und ein Österreich abseits typischer (leider nicht unberechtigter) Vorurteile von Rechts-Konservatismus und Scheinheiligkeitspopulismus.

Aber dieses gute Leben im Bösen ist bedroht. Denn obwohl der kritische (Kunst-)Diskurs tagtäglich durch die Hallen des MQ’s weht, hat die Verwaltung in einem Genie Schildbürgerstreich eine Verbotsliste erster Güte vorgelegt. So ist der Verzehr von alkoholischen Getränken nur mehr durch den Vor-Ort Kauf bei ansässigen Gastronomen erlaubt, was einem Zwangskauf gleichkommt. Radfahren, Skateboarden, Inlinern oder ähnliche Freizeitaktivitäten werden ebenso unterbunden wie Musizieren. Dies wurde begründet mit vermehrten Unfällen sowie Lärmbelästigung der Anwohner. Ein Problem, welches bereits länger bekannt ist. Eine schiefe Optik bekommen diese Maßnahmen aber nicht zuletzt durch die Ersetzung von öffentlichen, kostenlosen Toiletten durch kostenpflichtige Angebote. Alles in allem sieht es stark nach einer Durchkommerziallisierung des Museumsquartiers aus.

Die Reaktion folgte prompt: Eine Facebook-Gruppe (”Freiheit im MQ!”) bildete sich, welche aktuell über 12.000 Mitglieder hat. Protestschreiben wurde via Facebook ebenso organisiert wie zwei Happenings für die jetzt anstehenden Wochenenden. Und es gelang der Turn-Over in Richtung alte Medien. Zeitungen berichteten (z.B. Die Presse und Der Standard), auch der öffentlich-rechtliche Radiosender FM4 berichtete. Die Wellen gingen in der kurzen Zeit bereits so hoch, dass sich die Verwaltung zu einer Stellungnahme (hier die Presseaussendung) veranlasst sah und merklich zurückruderte. Der Ton wurde wieder freundlicher. Aber in der Sache ist noch keine Bewegung ersichtlich. Vielmehr könnte sich die PR-Aussendung als weiterer Fauxpas darstellen. Denn sie beginnt folgendermaßen: “Das MQ ist rechtlich gesehen Privatgrund mit öffentlichem Durchgangsrecht (…)”. Rechtlich gesehen mag dies in Teilen stimmen, denn das Areal ist in eine “MuseumsQuartier Errichtungs- und Betriebs GmbH (MQ E+B GmbH)” ausgelagert worden. NUR: In wie weit ist ein Grund mitsamt den Gebäuden, welche für Steuergelder in Höhe von ungefähr 150 Million Euro saniert, umgebaut und umgewidmet wurden, tatsächlich Privatbesitz? In wie weit darf also die Verwertungsgesellschaft jenen Bürgern Vorschriften machen, die ihre Gründung erst bezahlt und somit ermöglicht haben?

Hier bahnt sich der - zumindest für Österreich - erste Social Media Sieg an. Es sieht alles danach aus, als ob man gerade eine Case Study bei ihrer Entstehung beobachten darf. Was sind die Gründe, dass das Thema so hochkocht, die Unterstützung so massiv und ein Sieg in greifbarer Nähe ist? Letzteres ist den nahenden Wahlen in Wien geschuldet. Die bei den Europawahlen schwächelnde Stadt-Regierungspartei SPÖ wird es sich kaum mit einer großen Wählerschaft verscherzen wollen - vielmehr hätte hier ein schlauer Politik die Möglichkeit auf Stimmfang bei Jungwählern zu gehen (Facebook als Handlungsanleitung). Darüber hinaus ist die Durchkommerzialisierung eines gut laufenden Mischfeldes von Kunst & Kommerz offenkundig. Die Verbreitung dieser neuen Richtlinien aber läuft im Normalfall nicht so schnell. Der Großteil meines eigenen Freundeskreises kam durch Facebook mit der neuen Hauspolitik in Berührung (Facebook als Informationsverteiler). Aber nur das Wissen um einen (persönlich gesehenen) Mißstand ist noch keine Artikulation von Protest. Dafür muss sich eine Masse an Menschen formieren und ihren Unmut kundtun. Die Formierung (Gruppe) und Organisation des Widerstandes (Protest-Veranstaltungen) läuft gerade erst an (Facebook als Organisationsort). Schlussendlich ist unser Mediensystem immer noch auf die alte Schule von Presse & Fernsehen ausgelegt. Diese müssen aber die Wichtigkeit des Themas erkennen können - vor allem für eine größere Anzahl ihrer Leser (Facebook als quantitativer Relevanzmesser).

Diese Aspekte scheinen hier in dem speziell vorliegenden Fall zusammen zu kommen und bilden damit den Nährboden für einen Zusammenschluss von Menschen via Social Media. So können viele einzelne kleine Wellen des Wuts zu einem Sturm der Entrüstung werden und dem Flagschiff Museumsquartier volle Breitseite geben und es zum Umlenken zwingen.

Was glauben Sie, taugt dieses Beispiel als Case Study?

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Topics: Dramaturgie digitaler Medien, Medienkultur |

5 Kommentare to “Verändert Social Media den öffentlichen Raum?”

  1. Lukas meint:
    13.Juni 2009 at 12:30

    guter kommentar! bin absolut deiner meinung. was bei den ominösen donnerstags demos zur jahrtausendwende noch mit mobiltelefonen und kettensms organsiert wurde funktioniert jetzt im social web und wir sehen, dass es deutlich schneller geht und vor allem die traditionellen medien schneller anspringen und den effekt potenzieren (ähnlich auch bei den grünen vorwahlen jetzt gerade…) vielleicht sehen wir uns ja heute abend!

  2. maria meint:
    15.Juni 2009 at 10:55

    naja. natürlich taugt das als case study aber es ist schon komplexer als du es dargestellt hast, man muss mitdenken, WER sich da zusammengeschlossen hat.
    >> http://derstandard.at/fs/1244460558233/Wiener-Museumsquartier-Feiern-fuer-die-Konsumfreiheit
    ich zitiere:
    “Das sind die Leute, die wir hier haben wollen”, machte MQ-Chef Waldner im Telefongespräch deutlich.

    die mobilisierten demonstranten sind also eh jene, die die brave breite bobo-masse der mq-besucher stellen: die, die den müll wegräumen, nicht komasaufen, nicht rumgrölen; die, die schon auch konsumieren: wenn der hunger groß ist, kauft man sich halt auch mal im deli ein focaccia oder geht halt mal brunchen in die halle um am abend wieder mim 16er-blech auf der enzi zu hocken.

    natürlich ist es gut, gegen solche law+order politik und schwachsinnige privatgrund-ansprüche vorzugehen. als case study ist es aber sicher auch ein beweis für einen “social media divide” -
    die minderjährigen komatrinker und grölenden junggesellen-gesellschaften haben sich wohl eher nicht der facebook-gruppe angeschlossen. und die wollte man ja eigentlich loswerden - damit die braven ihre ruhe haben. ich denke das ganze hat am ende sicher eine allgemeine sensibilisierung rund um alk, müll, lärm im mq zur folge.
    und es ist sicher ein beweis dafür, dass ein abruptes verbot und bullige securities einfach nach hinten losgehen.
    sicher ist es auch ein “machtbeweis” von social media, aber eben beispiel dafür, dass eine elitäre gruppe einen elitären raum verteidigt. und ich will mich da gar nicht ausnehmen :) aber man sollte sich drüber bewusst sein.

  3. maria meint:
    15.Juni 2009 at 17:33

    dazu auch interessant
    http://medialdigital.wordpress.com/2009/06/03/global-media-forum-10-strategien-fur-den-journalismus-2-0/
    von
    http://fm4.orf.at/stories/1604290/

  4. derAlekx meint:
    15.Juni 2009 at 18:09

    Ah genau, die Demos gegen Schwarz-Blau, right? Interessanter Hinweis, aus diesem Blickwinkel sieht es nicht nach Eruption, gar Revolution, sondern wiedermal “nur” nach Medienevolution aus. Optimierung & Effizienzsteigerun.

  5. derAlekx meint:
    15.Juni 2009 at 18:29

    @maria: Stimmt schon, danke für die Anregungen! Und dass es schlußendlich nur mehr um das “Saufen für’s Saufen” geht, ist auch mit schräger Optik versehen.
    Es ging ja zuvorderst nun nicht darum, das MQ als rechtsfreien Raum zu etablieren oder zu halten. Dass das MQ ihr Hausrecht exekutiert, wenn wochentags nachts um drei Uhr Leute anfangen auf voller Lautstärke Musik zu hören und zu grölen und damit keinerlei Rücksicht auf andere Menschen nehmen wollen - dies wurde nicht direkt in Frage gestellt. Es geht wohl um das WIE. Denn es ging ja gerade darum, dass Einzelfälle (die vielleicht über die Strenge schlagen) als Anlass für Konsumzwang & Regelexekution genommen wurden. Endergebnis wäre ein konsumfreundlicherer Raum geworden, dagegen sind nun anscheinend einige aufgestanden. Dass dies eine elitäre Mittelstandselite ist, stimmt mit Sicherheit. Ob ein Alkoholverbot irgendwo im 10. Bezirk genau so viel Protest hervorgerufen hätte, sei mal zu bezweifeln. Das was Du elitär nennst, hat eher was von einer Avantgarde wie sie Bolter vorschwebt (ich hab hier drüber geschrieben), also einer durchaus kapitalistischen Avantgarde i.S.v. Early Adopters. Was nicht weiter verwundert. Schaut man sich bei Protestbewegungen um, so sind die aktiven Teile (siehe 68er et.al.) eher mittelschichts-angebunden. Was aber ihre positive Wirkung für die gesamte Gesellschaft nicht negiert (anders hätten die Grünen gar kein Wählerpotential, machen sie doch eine Sozial- und Wirtschaftspolitik gegen ihr eigene Klientel). Der Rest darf boshaft als Protestwähler bezeichnet werden, welche sich alle paar Jahre zu einer Artikulation seiner Wut herniederlässt. Hm, das wurde nun länger als gedacht…

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